Der weltweite Leistungsvergleich zwischen 15-Jährigen lässt Österreich gegenüber dem Testsieger Finnland weit abgeschlagen erscheinen.

 

Doch der Schein trügt. Denn das Ranking allein ist nicht wirklich aussagekräftig, weil die Rahmenbedingungen für das Lernen dabei ausgeblendet bleiben. Gleichaltrige in Finnland und Österreich haben eine völlig unterschiedliche Lern- und Lebensgeschichte hinter sich.

 

Berücksichtigt man hingegen in einem Benchmarking die Differenzen im Bildungssystem, in der Zusammensetzung der Schülerpopulation und in den Gegebenheiten im Schriftsystem, zeigt sich: Österreich schneidet – gemessen an den gravierenden Differenzen in den Rahmenbedingungen – in Wahrheit besser ab als der Testsieger Finnland.

 

Hier nur einige der markantesten Unterschiede in den Rahmenbedingungen:

 
  • Finnland hat einen Anteil an nicht-muttersprachlichen Schülern von rund 2%, Österreich hingegen rund 14%, also das Siebenfache. In Ballungszentren wie Wien (im Test überrepräsentiert) erreicht die prozentuelle Differenz sogar das Zwanzigfache.
  • In Finnland gibt es ein verpflichtendes Vorschuljahr und massiven Förderunterricht bei Lernproblemen in allen Schuljahren, in Österreich hingegen gibt es weder das eine noch das andere in erwähnenswerten Größenordnungen.
  • In Finnland erzieht das Fernsehen zum Lesen, weil alle (Hollywood)-Spielfilme nur mit finnischen Untertiteln präsentiert werden. In Österreich hält das Fernsehen vom Lesen ab, weil die deutschsprachige Synchronisation Leseprozesse beim Fernsehen überflüssig macht. – Tägliche Lesepraxis steht also de facto täglicher Lesevermeidung gegenüber.
  • Im Finnischen wird die Sprache im Schriftlichen exakt so wiedergegeben, wie sie gesprochen wird. Im Deutschen wird nicht nur anders gesprochen als geschrieben („gemmaham“ ist als „Gehen wir nach Hause“ zu schreiben), selbst die sog. Schriftsprache wird nicht so wiedergegeben, wie sie beim Sprechen zu hören ist („faata“ ist als „Vater“ zu schreiben). Ein doppelter Hürdenlauf wird also mit einem freien, ungehinderten Lauf verglichen. Was in der Welt des Leistungssports völlig undenkbar wäre, wird in der Welt schulbezogener Leistungsvergleiche nicht einmal öffentlich hinterfragt.
  • Das Finnische kennt – wie übrigens a l l e anderen Sprachen der Welt – keine Großschreibung von Nomen. In unserem Sprachraum wird durch die Großschreibung eine künstlich errichtete, zusätzliche Lernhürde gehegt und gepflegt. Sie kostet viele Stunden Lernzeit. Eine Zeit, die in anderen Ländern für sinnvollere Arbeit genützt werden kann.
 

Diese wenigen Punkte erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Sie vermitteln aber einigermaßen eine Vorstellung davon, dass ein unmittelbarer Leistungsvergleich zwischen den Ländern Finnland und Österreich kaum möglich und daher auch nicht fair ist.

 

Schon allein auf Grund dieser unvollständigen Liste der prinzipiellen Unterschiede steht fest:

Der Einsatz österreichischer Lehrkräfte im Schulwesen muss wohl ungleich höher sein als der der finnischen, denn ohne diesen Mehreinsatz wäre ein so respektables Abschneiden Österreichs undenkbar!

 

Die österreichischen Lehrkräfte gehören daher nicht unter die Räder, sondern vor den Vorhang. Das hat man leider im Bildungsministerium noch nicht begriffen.

 
(Stand Frühjahr 2006)